Details zur Kundenmeinung

Das Rhythmusorakel (Buch incl. CD)

Kundenmeinung (erstellt am 27. Juni 2013):
Lässt man den Titel des Buches von Daniel Giordani auf sich wirken, ist man sogleich in einen transzendenten Bedeutungszusammenhang entführt. Ein Orakel (abgeleitet aus dem lateinischen Substantiv oraculum: Götterspruch, Sprechstätte) bezeichnet eine durch ein bestimmtes Ritual gewonnene göttliche, bzw. transzendente Weissagung, z.B. für Frauen an die Zukunft oder als Entscheidungshilfe; oft undurchschaubar und rätselhaft in seiner Aussage.
Ganz so tiefgründig wird der Titel wohl nicht gemeint sein, da das Buch im Wesentlichen ein Spiel- und Arbeitsbuch darstellt, in dem man sich mit der Hilfe von Notationssymbolen auf spielerische Art und Weise dem Phänomen Rhythmus nähert. Der Untertitel – „eine alternative Trommel- und Rhythmusschule“ – ist hingegen durchaus zutreffend und weist auf eine pädagogische Herangehensweise hin, die sich von anderen Trommelschulen abhebt.
Worum geht es also?
Mit Hilfe von Spielsteinen bzw. den dem Buch beigefügten Kärtchen, die mit den Notationssymbolen der wichtigsten Klänge (Bass, Open, offener Ton, Slap und Pause) der Trommel bezeichnet sind, werden nach unterschiedlichen Spielregeln Rhythmen zusammengestellt. Dabei werden die Rhythmusbausteine, wie bei manchen Kartenspielen, verdeckt gezogen und in festgelegte Raster von Pulsationen in Gruppierungen zu jeweils 2er, 3er, 4er, 6er usw. gelegt. Die sich daraus ergebenen Rhythmen sind dadurch nicht vorher absehbar, sondern rein zufällig. Im Gegensatz zu sonstigen Trommelschulen, werden hier kaum festgelegte Rhythmusmodelle, auch keine Improvisationsvorgaben, sondern Strukturierungsvorschläge angeboten.
Dabei bedient sich Giordani einer graphischen Notation, die von vielen Trommlern und Perkussionisten verwendet wird (vgl. Ulrich Moritz / Klaus Staffa in: „Trommeln ist Klasse“, Fidula-Verlag), aber eher selten Eingang in die Literatur findet.

Diese könnte man als Pulsationsschrift bezeichnen, welche die verschiedenen Unterteilungen einer Rhythmusstruktur sowie den „Beat-Bezug“ darstellt (ähnlich der Weise, wie es Musikethnologen tun). Schwer zu lesende Punktierungen und Überbindungen, wie in der westlichen Notation, die auf den verschiedenen Notenwerten basieren, fallen damit weg, und Rhythmusstrukturen werden somit leichter erfassbar. Diese Notationsraster findet man, neben den Klangsymbolen, im Umschlag des Buches. Darüber hinaus sind dort auch Vorlagen für eine Kreisnotation, die Zyklen und Rhythmen in Kreisform darstellen, zu finden.

Das Buch ist sehr anschaulich und übersichtlich strukturiert.

- Besonders in den ersten Kapiteln findet der Trommelanfänger und interessierte Laie eine Reihe von grundlegenden Übungen und Erläuterungen zum Phänomen Rhythmus. Dazu zählen auch Ausflüge in Instrumentenkunde, Schwingungslehre, Hirnforschung sowie Spieltechniken der afrikanischen Djembé-Trommel, auf die der Autor besonders Bezug nimmt. (Manches Mal lässt sich in diesen Abschnitten des Buches der Eindruck der inhaltlichen Nähe zu anderen Veröffentlichungen, wie beispielsweise „Rhythm for Evolution“ von Reinhard Flaitschler, nicht ganz vermeiden.)
- Ab dem 5. Kapitel geht es dann los mit den „Orakelspielen“. Diese sind sehr klar und schlüssig aufgebaut und bieten Spiel- und Experimentiermöglichkeiten für sich alleine, mit einem Partner bzw. in der Gruppe.
Andere bekannte Trommellehrer wie Michael Siefke oder Uli Moritz bieten ähnliche Spielmodelle an, jedoch zeichnet sich Daniel Giordanis Buch durch eine geradezu akribische Systematisierung seiner Spielideen aus.
- In weiteren Kapiteln versucht er eine Brücke zwischen außereuropäischer Spiritualität und seinen Spielvorschlägen zu schlagen. Da werden Vorschläge gemacht, wie man zu eigenen Kraft- und Hilfsrhythmen gelangen kann oder wie man mit Wörtern und Zahlen und dazu erfundenen Tabellen sowie zugeordneten Trommelklängen wiederum Rhythmuspatterns erstellt.
Die Frage, ob man durch innere Ausrichtung, beispielsweise durch persönliche Wünsche und dem darauffolgenden „Ziehen“ von Rhythmusbausteinen tatsächlich „eigene Rhythmen“ entstehen lassen kann, oder ob dies „nur“ eine konstruierte Herangehensweise ist, die das Entstehen von Rhythmen dem Zufall überlässt, kann hier nicht beantwortet werden. Dies muss der Leser selbst ausprobieren. Es hängt wohl auch vom persönlichen Weltbild ab. Auf jeden Fall führt dieser Zugang zu interessanten Ergebnissen und kreativen Anwendungsideen.

Fazit: Dieses Buch bietet eine Fülle von Spiel- und Experimentiermöglichkeiten an, die vor allem die „Konstruierbarkeit“ eigener Rhythmen in den Vordergrund stellt und dadurch eine sinnvolle Ergänzung zu sonstigem Trommelunterricht darstellt. Nebenbei wird ein rhythmisches Basistraining angeregt und durch ständig verwendete graphische Notation vertieft.
(Rezension im Sommer 2013)