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Geisterstunde auf Burg Schauerstein (Musical)

Kundenmeinung (erstellt am 6. März 2018):
So, wie ein gutes Drehbuch für den Erfolg eines Films entscheidend ist, bildet eine stimmige und kluge Geschichte für das Gelingen eines Kinder-Musicals die Basis. Julia Kolat hat mit dem Grundschul-Grusical „Geisterstunde auf Burg Schauerstein“ eine rundherum gelungene, spannende und witzige Geschichte mit mitreißenden Liedern entwickelt. Alles, was ein Musical für die Grundschule braucht, ist in großer Fülle vorhanden: eine dramatische Ausgangssituation an einem interessanten Ort des Geschehens, eingängige Lieder für den Projekt-Chor und attraktive solistisch angelegte Rollen.

Die Geschichte
Julia Kolat weiß aus ihrem Schulalltag, was die Grundschüler bewegt. Viele Kinder haben Angst im Dunkeln. Viele spüren den Leistungsdruck in der Schule und haben Angst zu versagen. Da die Schülerinnen und Schüler aber immer cool sein wollen, sind diese Ängste selten ein Gesprächsthema. Die Geschichte „Geisterstunde auf Burg Schauerstein“ greift diese Themenbereiche auf pfiffige und humorvolle Art und Weise auf: Ausgerechnet das junge Gespenst, Baltasar von Schauerstein, hat Angst im Dunkeln. Mit dieser Ausgangssituation schafft es die Autorin, sofort die Herzen der Kinder zu gewinnen, und der Spielraum „gruselige Umgebung auf einem alten Schloss“ lässt kreative Ideen für Kostüme und Bühnenbild nur so sprießen. Baltasars zahlreiche Freunde wollen ihm nach Kräften helfen, diese Angst zu überwinden. Die Freunde sind natürlich allesamt Grusel-Experten. Sie sind genauso mit besonderen Charakteren ausgestattet wie Baltasar von Schauerstein: der übereifrige Ritter Adalrik, genannt der Scheppernde, die Hexe Grusilla Spinnenbein, die Fledermaus Vespina, der große Zauberer Hokuspius, die singende Eule Carmen und das Glühwürmchen Flora. Ritter Adalrik ist überzeugt, dass es mit Hilfe seiner Rüstung und seinem Schwert kein Problem ist, die Angst vor dem Dunkeln zu überwinden. Aber weit gefehlt: Trotz seiner scheppernden und eindrucksvollen Ausstattung hat Baltasar von Schauerstein immer noch Angst vor der Dunkelheit.
Die Hexe Grusilla Spinnenbein versucht, mit einem Zaubertrank gegen die Angst zu siegen. Leider hat auch sie keinen Erfolg damit. Der große Zauberer Hokuspius ist sich sicher, es mit einem Zauberspruch zu schaffen. Er sucht leidenschaftlich einen entsprechenden Zauberspruch, findet zuerst einen gegen eingeschlafene Füße und dann auch einen gegen Hausaufgaben. Als er endlich einen Zauberspruch gegen die Angst im Dunkeln findet, kann auch er Baltasars Angst nicht wegzaubern. Die Eule Carmen empfiehlt Baltasar, gegen die Angst zu singen, und man glaubt schon als gespannter Zuschauer und Zuhörer, dass sie die Lösung gefunden hat, da bekanntlich Singen das Angstzentrum im Gehirn dämpft. Baltasars Angst lässt sich aber auch nicht von der Kraft des Singens verscheuchen. Die Geschichte bekommt erst eine überraschende Wendung und ein glückliches Ende, als sich das Glühwürmchen Flora meldet. Sein Leuchten im Dunkeln und der Beistand der Freunde helfen Baltasar endlich, seine Angst zu überwinden.

Die Lieder
Den Inhalt der Geschichte erfährt das Publikum zum größten Teil über die Lieder: Im ersten Song wird man auf Burg Schauerstein willkommen geheißen und Baltasar als Furcht einflößendes Gespenst angekündigt. Schon im zweiten Lied wird aber klar, dass mit Baltasar etwas nicht stimmt, denn er ist nicht zur Geisterstunde erschienen, und alle suchen ihn. Ganz selbstverständlich wird Baltasar im 7/8-Takt gesucht: „Al-le su-chen Bal-ta-sar, al-le su-chen Bal-ta-sar!“ Großartig, wie hier die Dynamik und die Besonderheit dieser seltenen Taktart genutzt wird! Baltasar wird in seiner Kiste gefunden, und er singt von seiner Angst. Nun versuchen die Freunde ihm zu helfen, und für jeden steht ein Lied oder ein Rap bereit. Das Mitreißende der Lieder speist sich aus eingängigen Texten und den dynamischen Wechseln der Tempi und der Taktarten. Stilistisch vielseitig und schwungvoll kommen die Songs daher. Die zweistimmigen Chorparts bieten versierten Schulchören musikalische Anreize, die Lieder sind aber auch einstimmig wirkungsvoll. Der „Grusel-Test-Song“, in dem Baltasar ausprobiert, ob er noch Angst hat, erklingt wiederholt und gönnt damit den Zuschauern und den Akteuren eine emotionale Verschnaufpause.

Die Bühnengestaltung
Die Autorin gibt zahlreiche Tipps, wie die Beschaffung der Requisiten und die Bühnengestaltung mit überschaubarem Aufwand gemeistert werden kann. Durch das immer beliebter werdende Halloween bringen viele Schülerinnen und Schüler gruselige Kostüme von zu Hause mit, und Objekte für die Bühne, wie z. B. große Kerzenständer, können peu à peu zusammengetragen werden.

Die Aufführung
Entscheidend für die Aufführung ist ein gut aufgestellter Chor. Das Glühwürmchen und die Fledermaus haben jeweils einen Sprechtext, die anderen Gruselexperten können solistisch mit eigenen Songs glänzen. Falls sich für die solistischen Rollen keine mutigen Sänger finden, kann auch der Chor diese Lieder problemlos übernehmen. Grundausstattung für die musikalische Gestaltung der Songs ist die Klavier-Begleitung. Sie kann aber beliebig mit weiteren Instrumenten zu einem Orchester erweitert werden. Eine tolle Möglichkeit für die Chorkinder, mit in das musikalisch-szenische Geschehen mit einbezogen zu werden, ist der Einsatz von zahlreichen Schepper- und Gruselinstrumenten wie z. B. Vibraslap, Flexaton, Springdrum, Rasseln aller Art, mit Nägel gefüllte Konservendosen, Triangel, Klangschalen usw.
Das Stück kommt mit wenigen Zwischentexten aus, das verringert die Probendauer mit den Solisten. Immer ist der Chor in das Geschehen eingebunden, beim Rap des Zauberers gibt es ein lebhaftes Zwiegespräch nach dem Prinzip „call and response“.
Das Grusical dauert etwa 40 Minuten. Selbstverständlich können alle Akteure, die auf der Bühne sind und gerade keinen Solo-Auftritt haben, im Chor mitsingen.

Die CD
Die Songs auf der CD sind liebevoll mit einer gut aufgestellten Band eingespielt, man bekommt einen umfassenden Eindruck von der Kraft der Lieder. Die Kinderstimmen sind natürlich und motivieren Grundschullehrer, das sicherlich nicht unaufwändige, aber überschaubare Aufführungs-Projekt mit dem Grundschulchor zu wagen.

Informationen zur Entstehung des Musicals
Die Autorin berichtet im Vorwort, dass das Musical im Rahmen der Chorarbeit an einer Grundschule entstanden ist, deren Schülerinnen und Schüler überwiegend aus schwierigen Verhältnissen stammen oder einen Migrationshintergrund besitzen. Die Kinder haben zum Teil Defizite in ihrer Persönlichkeitsentwicklung, und einige müssen mit Behinderungen ihren Schulalltag meistern. Inklusion ist hier gelebte schulische Realität. Auch im Schulchor werden alle Kinder so angenommen, wie sie sind, und können sich gemäß ihrer individuellen Voraussetzungen entwickeln. Im Chor von Julia Kolat singen Kinder von Klasse 1 bis 4, jahrgangsübergreifend und integrativ, unabhängig von ihren Voraussetzungen und Talenten. Dieser Chor hat auch die Uraufführung des Grusicals auf der Schulbühne mit großem Erfolg gemeistert. Die Arbeit mit dieser heterogenen Gruppe ist eine große Herausforderung und verlangt sicherlich viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Die Autorin möchte daher alle Lehrer ermutigen, ihren Schülern mehr zuzutrauen. Außerdem sollten sie sich gleichzeitig die Freiheit nehmen, bei der Gestaltung auf die besonderen Bedürfnisse der Schüler einzugehen. Die Handlung des Musicals bietet diese Flexibilität und der Anreiz einer Aufführung beflügelt die Schüler.
(Rezension in "musikpraxis" - Heft 157)